Was ist Focusing?
Eugene T. Gendlin erklärt Focusing
Aufgezeichnet auf der 9. Internationalen Focusing Konferenz 1997 vom FZK)
Focusing ist ein Prozess:
- der in einer Person entsteht, wenn sie ihre Aufmerksamkeit auf ihr unmittelbares körperliches Erleben richtet, auf die Grenzzone zwischen Bewusstem und Unbewusstem
- der sich auf das Unklare einer Situation, eines Themas richtet und spürbare persönliche Klärung bringen kann
- in dem der Felt Sense zu einer Situation, einem Thema usw. entsteht und zum Ausgangspunkt für Veränderungen werden kann
- in dem körperlich spürbare Veränderung (Felt Shift) die Lösungsschritte begleitet
- der als Motor konstruktiver Persönlichkeitsentwicklung betrachtet werden kann
Focusing ist eine grundlegende Methode, die hilft...
...den Focusing - Prozess bewusst zu gestalten und damit die Möglichkeit schafft:
- mit sich selbst in Beziehung zu treten
- auf sich selbst zu hören
- den Kontakt zwischen Denken und Fühlen herzustellen
- sich auf die unbewusste/vorbewusste Seite des Erlebens als eine körperlich gefühlte Qualität ("gefühlte Bedeutung") direkt zu beziehen
- das Gefühl für "richtig/falsch für mich" zu entwickeln und ernst zu nehmen ("ethische Blaupause")
- als Begleitmethode, andere Menschen in ihrem Prozess der Selbstauseinandersetzung konstruktiv zu begleiten
Focusing - Haltungen zum eigenen Erleben
- Freundliche, wohlwollende Beziehung zum Körper, insbesondere zum Felt Sense aufnehmen
- Probleme, Belastungen, Gefühle anerkennen und freundlich betrachten
- Innerlich in einen guten Abstand zu Problemen / Belastungen gehen. Unterscheiden zwischen Ich und Problem
- Schutz vor blockierenden Prozessen wie Selbstabwertung entwickeln
Was ist ein Felt Sense?
Direkt übersetzen ließe sich Felt Sense als "gefühlter / gespürter Sinn". Eugene T. Gendlin, der die Methode des Focusing entwickelt und theoretisch /philosophisch begründet hat, wollte mit diesem Kunstwort Felt Sense (es findet sich auch in keinem englischen Wörterbuch....) eine besondere Art von "Gefühl" oder "Gespür" kennzeichnen, für das es weder im Deutschen noch im Englischen einen genauen Begriff gibt. Hier einige Kennzeichen für Felt Sense:
Felt Sense:
- ist ein "ganzheitliches" Gefühl über eine Situation, ein Problem, eine Person, einen Traum, eine Entscheidung...
- entsteht in der Randzone zwischen Bewusstem und Unbewusstem
- hat eine körperliche Resonanz, in der Regel im Brust- und Bauchraum (zwischen Hals und Unterleib)
- ist ein zunächst unklares, "verwickeltes" Gefühl im Körper
- kann zu jeder Situation entstehen, wenn man die Aufmerksamkeit in einer bestimmten Weise auf die Körpermitte richtet und ein oder zwei Minuten wartet, ob "etwas kommt" (Teil des Focusing - Prozesses)
- ist oft schwer zu beschreiben - Begriffe erscheinen zu ungenau, um "genau dieses Gefühl im Körper" jetzt zu benennen
- ist unterscheidbar von anderen "Gefühlen" wie Emotionen (Wut, Trauer...), physiologischen körperlichen Empfindungen
- enthält auch: Bedürfnisse, Wünsche nach Veränderung in einer unangenehmen Situation
- enthält auch: Gefühl für "richtig/gut für mich" oder "falsch/ so nicht in Ordnung für mich"
Felt Sense wird im Alltag manchmal spürbar:
- wenn wir eine Entscheidung getroffen haben, (z.B. das wir uns dann .gut fühlen" oder "noch ein ungutes Gefühl haben", obwohl wir rational die beste Lösung gewählt haben)
- wenn wir morgens aufwachen mit einem bestimmten Gefühl, das offensichtlich zu einem Traum gehört, an den wir uns aber nicht mehr erinnern
- wenn wir einer Person begegnen, zu der wir eine "ungute" zwischenmenschliche Beziehung haben
- wenn wir in einen Raum eintreten, in ein Gebäude oder den Blick auf eine Landschaft richten
- wenn wir ein Bild betrachten; Musik hören
- wenn wir uns kreativ betätigen, z.B. versuchen, ein Gedicht zu schreiben, musizieren oder ein Bild zu malen .....
Ausüge aus "Gesprächspsychotherapie und Personzentrierte Beratung" Autoren: Prof. H.J. Feuerstein; Dipl.Psych. D. Müller
Personzentriert ...ein Menschenbild
Personzentriert arbeiten heißt:
- ...nicht von Vorstellungen ausgehen, wie Menschen sein sollten, sondern davon, wie sie sind, und von den Möglichkeiten, die sie haben.
- ...andere Menschen in ihrer ganz persönlichen Eigenart ernstnehmen, ihre Ausdrucksweise zu verstehen suchen und sie dabei unterstützen, eigene Wege zu finden, um “innerhalb ihrer Möglichkeiten“ angemessen mit der Realität umzugehen.
- ...mit den betroffenen Personen, nicht für sie Probleme zu lösen, Projekte zu entwickeln, Entscheidungen zu treffen; heißt ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Ansichten zu berücksichtigen und einzubeziehen
- ...die Ressourcen eines Organismus wahrzunehmen und zu fördern.
- ...als Person wahrnehmbar zu sein. Dazu gehört die Bereitschaft, sich mit dem eigenen Anteil an einer Situation auseinander zusetzen.
Die personzentrierte Haltung hat drei Komponenten:
- Empathie (oder einfühlendes Verstehen) ist die Fähigkeit, das Erleben und die Gefühle des Gegenübers genau und sensibel zu erfassen, mich in seinen inneren und äußeren Bezugsrahmen so einzufühlen, als ob ich der andere wäre, und dennoch nie außer acht zu lassen, dass ich ich selbst und nicht der andere bin. Empathie ist nicht Identifikation. Einfühlendes Verstehen dient nicht dazu, das Gegenüber zu interpretieren oder einzuordnen, sondern ist ein Versuch, sich möglichst genau in sein Erleben und in seine Welt hineinzuversetzen. Die Erfahrung, verstanden zu werden, ist an sich schon entwicklungsfördernd.
- Wertschätzung (oder nicht-wertendes Akzeptieren) bedeutet, dass ich mein Gegenüber ohne zu werten akzeptiere, als ganze Person, so wie sie im Augenblick ist, mit all ihren Schwierigkeiten und Möglichkeiten.
- Kongruenz (oder Echtheit) heißt, dass mir mein eigenes Erleben bewusst ist und ich es trennen kann von dem, was ich beim Gegenüber wahrnehme. Kongruenz heißt, dem anderen Menschen als Person begegnen und sich nicht hinter einer professionellen Maske verstecken. Das erfordert, dass ich meine Gefühle, Impulse und Eindrücke zulasse und akzeptiere, aber nicht, dass ich sie dem anderen Menschen in jedem Fall ungefiltert an den Kopf werfe. Ich muss abschätzen können, wann es im Rahmen meiner Aufgabe sinnvoll ist, meine Gefühle mitzuteilen, und wann nicht. Zur Kongruenz gehört auch, dass die Rahmenbedingungen der jeweiligen Situation klar und für alle Beteiligten durchschaubar sind.